Donnerstag, 06 April 2023 08:35

Die EXPO 1992 in Sevilla

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Um das 500-jährige Jubiläum der Entdeckung Amerikas zu feiern, wurde 1992 in Sevilla eine Weltausstellung ausgerichtet. Unter dem Motto „Die Geburt einer neuen Welt“ wurde die altstadtnahe Insel „La Cartuja“ zum Schmelztiegel der Nationen und Kulturen. Doch auch der Weg zu dieser letzten großen Weltausstellung im 20. Jahrhundert war lang und beschwerlich…

Zwei Staaten – Eine Idee

Bereits 1976 regte der damalige spanische König Juan Carlos I. bei einem Staatsbesuch in Santo Domingo die Ausrichtung einer rein lateinamerikanischen Ausstellung an. Erst fünf Jahre später, im Jahr 1981 sollte diese Idee erneut von Interesse sein. Im Dezember 1981 erwuchs nämlich in den USA der Wunsch, zum Andenken an die 500-jährige Wiederkehr der Entdeckung Amerikas eine Weltausstellung abzuhalten.

Die spanische Regierung reichte bereits drei Monate später, am 03. März 1982, ihrerseits die Bewerbung zur Ausrichtung einer Weltausstellung im Jahr 1992 beim B.I.E. in Paris ein. Das Thema ähnelte dabei dem der USA — nur aus einer europäischeren Sicht. Ziel der Weltausstellung sollte es sein, den Besuchenden die Idee der Vielfalt und des Reichtums der verschiedenen Kulturen der Menschen, die Idee der menschlichen Erfindungsgabe und auch die Idee der Toleranz, des Respekts vor der Pluralität und der internationalen Solidarität zu zeigen.

Die Brücken, die die Cartuja-Insel mit der Stadt Sevilla verbinden, sind daher Symbole dafür, was Spanien von sich zeigen möchte: die Verbindung von Vergangenheit und Zukunft, von Kunst und Technologie…

Über die nächsten Monate wurde die Idee einer zweigeteilten Weltausstellung immer weiterentwickelt, sodass bereits am 08. Dezember 1982 der Zuschlag für die EXPO 1992 in Chicago und Sevilla fiel. Im Laufe des Jahres 1983 wurde dann das Generalreglement der Ausstellungen in Paris präsentiert. In Sevilla soll die wichtige Rolle Spaniens und der Stadt selbst bei der Entdeckung Amerikas dargestellt werden, während in Chicago hingegen die Fortschritte der Welt auf dem kulturellen und wissenschaftlichen Gebiet im Fokus stehen sollen. Als Thema der Ausstellungen wird „Das Zeitalter der Entdeckungen“ vorgeschlagen.

Chicago steigt aus

Für die Weltausstellung in Chicago erwartete man rund 65 Millionen Besuchende bei Kosten von 500 bis 600 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Die Weltausstellung 1970 in Osaka, welche von rund 64 Millionen Menschen besucht wurde, kostete 3 Milliarden Dollar. Bereits 1985 stiegen die erwarteten Kosten jedoch auf rund 1,1 Milliarden Dollar, sodass eine Finanzierung immer schwieriger wurde. Am 04. Dezember 1987 zog das Ausrichtungskomitee dann die Reißleine. Die Stadt Chicago zog ihre Bewerbung zur Ausrichtung der Weltausstellung zurück. Neben den finanziellen Gründen sorgten auch umwelttechnische Bedenken in Bezug auf den Michigansee für eine Ablehnung der Ausrichtung. Somit blieb nur Sevilla als Ausrichtungsort im Rennen.

Eine Stadt wird fit gemacht für die Zukunft

Während man in Amerika noch der Ausrichtung nachtrauerte, wurde in Europa bereits weitergeplant. Ein Jahr nach der offiziellen Bewerbung Sevillas wurde am 7. November 1984 Manuel Olivencia Ruiz zum Kommissar der Weltausstellung ernannt. Bald waren auch eine Durchführungsgesellschaft, die „Sociedad Estatal para la Exposición Universal Sevilla 92 SA“ gegründet und ein Logo entworfen.

Mit Hilfe großzügiger Umbaumaßnahmen und mit einem neuen Verkehrssystem sollte die Stadt dabei für die Herausforderungen der Weltausstellung gerüstet und zu einer hochmodernen Großstadt ausgebaut werden. Der Plan sah die Erneuerung und den Ausbau des Straßen- und Schienennetzes innerhalb der Stadt vor, wodurch eine engere Verbindung der Stadtteile miteinander erzielt und der Durchgangsverkehr reduziert werden sollte. Hinzu kam die Umgestaltung zahlreicher öffentlicher Plätze. Durch eine neue und veränderte Trassenführung der Eisenbahn wurde die Anbindung an das nationale Schienennetz erheblich verbessert und Reisezeiten verkürzt werden. Die beiden ursprünglichen Bahnhöfe wurden dadurch überflüssig und mit dem Neubau der Station Santa Justa von Antonio Cruz und Antonio Ortiz ersetzt. Dieses mit Anklängen an die Zeit des Art déco entworfene Verkehrsbauwerk der zwei Architekten aus Sevilla gilt als eines der architektonisch markantesten Bauwerke, die im Zusammenhang mit der EXPO 1992 entstanden. Zur Rechtfertigung der immensen Umbaukosten sollten einige der spektakulären Pavillons für einen Technologie- und Wissenschaftspark dauerhaft weiter genutzt werden.

Das Gelände zwischen zwei Flüssen

Gemeinsam mit dem Generalplan zur Umgestaltung der Stadt wurde auch der Masterplan für das EXPO-Gelände entworfen. Die Grundlage bildete dabei ein 215 Hektar großer Teil der zwischen zwei Armen des Guadalquivir liegenden Insel La Cartuja in unmittelbarer Nähe zur Altstadt an. Mit dem stark renovierungsbedürftigen Kartäuserkloster „Santa Maria de las Cuevas“ befand sich auf diesem Areal ein für den Anlass der Weltausstellung historisch bedeutsamer und symbolträchtiger Ort, denn Christoph Columbus lebte mehrere Jahre auf der Insel und bereitete vom Kloster aus zusammen mit den ansässigen Mönchen seine Reise vor.
In einem Wettbewerb wurden dann im Jahr 1986 rund 20 Architekturkonzepte für die Gestaltung des Geländes vorgestellt. Die Sieger der ersten Preise waren José Antonio Fernandez Ordoñez und Emilio Ambasz. Der Grund für den Sieg der beiden Architekten waren die großen Ähnlichkeiten in der Gestaltung und der nachträglichen Nutzung.

So sah der Entwurf von Ordoñez vor, die Pavillons innerhalb eines rechtwinkligen Planrasters zu verteilen. Entlang des Flusses sollte ein Park entstehen und südlich des Klosters, gegenüber dem alten Bahnhof, zentrale Pavillons platziert werden. Als architektonisches Symbol der Ausstellung sollte eine riesige Sphärenkugel mit knapp hundert Metern Durchmesser, mehreren Aussichtsplattformen und einem Planetenmodell errichtet werden.

Ambasz hingegen legte bei seinem Konzept weniger Wert auf architektonische Einzelelemente, sondern vielmehr darauf, das Gelände landschaftsarchitektonisch so zu gestalten, dass nach der Weltausstellung weder eine Geisterstadt noch eine Bauwüste zurückbliebe. Grundlage seines Ansatz war das Wasser als Symbol für die Verbindung von Spanien und der Neuen Welt. Die Pavillons wurden entlang des Guadalquivir um drei künstliche Seen angeordnet und so wäre das Ausstellungsgelände auch vom Wasser aus erreichbar gewesen. Auf den Neubau eines aufwendigen und nach der Expo überdimensionierten Straßennetzes hätte verzichtet werden können und die Seenlandschaft sollte später zu einem großen Park weiter entwickelt werden. Schon während der Ausstellung sollte die gesamte Anlage bewaldet sein und über ein Rohrsystem aus 35 Metern Höhe bewässert werden, um die Temperaturen zu senken. Einen Eindruck von dieser utopischen Idee kann man noch heute im Internet finden. Beide Konzepte waren zwar wegweisend, hätten jedoch die Kosten für die Weltausstellung mehr als gesprengt. Daher wurden in dem 1987 vorgestellten Generalplan des Spaniers Julio Cano Lasso lediglich Einzelelemente der beiden Konzepte übernommen. Die von Ambasz vorgesehene Parklandschaft wurde zugunsten einer großflächigeren Verteilung der Gebäude aufgegeben. Ordoñez’ rasterhafter Grundriss wurde aufgelockert und parallel zum Fluss verschoben. Von der Altstadt Sevillas nur durch den Fluss getrennt, erschien das Neubaugelände eher als Anbau der Stadt denn als eigenständiges Gegenüber. Eine Querzeile im Westen und ein See, der Lago de España, im Osten bildeten den jeweiligen Abschluss. Die Nord-Südachse bestand aus begrünten Rankendächern und Pergolen mit aufwendigen Bewässerungssystemen, während fünf breite Straßen das Ost- und Westende verbanden.

So begannen im Juli 1988 die Bauarbeiten an der Barqueta- und Cartuja- Brücke, welche dann im Frühjahr 1989 weiter voranschritten und so das Gelände Schritt für Schritt — oder besser Pavillon für Pavillon — erschlossen. Gleichzeitig wird auch in Sevilla selber gebaut, sodass am 02. Mai 1991 der neue Bahnhof Santa Justa durch Königin Sophia eröffnet werden konnte. Rund ein Jahr vor Beginn der Weltausstellung war die bebaute Fläche bereits doppelt so groß wie das im Generalplan von 1987 vorgesehene Expo-Gelände.

Am 20. April 1992 folgte dann die große Eröffnung durch König Juan Carlos I. von Spanien. Nach den Reden vom B.I.E.-Generalsekretär, dem Bürgermeister von Sevilla, und den spanischen Regierungschefs öffneten gegen 12:15 Uhr die Pavillons ihre Türen für die wartenden Menschen. Gleichzeitig erfüllten 38 Kirchenglocken die Luft, 5.000 Tauben und mehr als hundert Großluftballons den Himmel über Sevilla. Waren im ersten Generalplan von 1987 noch 60 Teilnehmer vorgesehen, so sind nun 108 Staaten, 17 autonome Regionen, 23 internationale Organisationen und 7 Unternehmen mit einem eigenen Pavillon vertreten.

Deutschland: Erst zweimal, dann einmal — und dann als Kompromiss

Die EXPO 1992 in Sevilla hätte für die Deutschen eine doppelte Premiere dargestellt. Nicht nur wäre es die erste große Weltausstellung nach dem Fall der Mauer gewesen, sondern hätte auch zwei Deutschen Staaten Platz zur Präsentation gegeben.

Die EXPO im Jahr 1992 war die erste geplante Beteiligung des „Arbeiter- und Bauernstaats“ an einer Weltausstellung überhaupt. Nach der Überwindung der Hallstein-Doktrin, dem UNO-Beitritt 1973 und Jahrzehnte langen intensiven Außenhandels- und Solidaritätsaktivitäten war die internationale Anerkennung der DDR gewachsen. Entsprechend schien es in Ostdeutschland an der Zeit, sich auch bei den großen Weltausstellungen zu präsentieren. Dies war jedoch nicht leicht, denn die Bundesrepublik hatte bereits in Brüssel, in Montreal und in Osaka durch Höchstleistungen der Ingenieurbaukunst für Aufsehen gesorgt.

Unter strengster Geheimhaltung beschloss das Zentralkomitee der SED am 10. Mai 1988 die Teilnahme an der EXPO 92. Für den Entwurf eines Länderpavillons erfolgte zum 31. Januar 1989 DDR-intern die Ausschreibung eines Wettbewerbs mit direkt aufgeforderten Teilnehmenden. Als Anhaltspunkte gab es nur scheinbar wenige Vorgaben: Der Pavillon sollte eine Grundfäche von 1.200 m² umfassen und von DDR-Betrieben weitestgehend in Vormontage erstellt werden. Unter strengster Sparsamkeit sollte gezeigt werden, wie leistungsstark die ostdeutsche Bauindustrie — und vor allem wie überlegen doch der Sozialismus sei. Entsprechend wurde ein Schwerpunkt auf die Wissenschaften gelegt, welche ihre Entdeckungen immer im Sinne des Volkes durchführte. Am Ende dieses Ausschreibungsprozesses standen dann sieben Entwürfe, von denen zwei den ersten Preis erhielten. Letztlich kam es aber nicht zur Errichtung des DDR-Pavillons — und somit blieb es bei einem deutschen Auftritt und die Modelle und Pläne wanderten in die Tiefen des Archivs.

Der Pavillon der Bundesrepublik erlebte eine ähnlich aufregende Geschichte. Im Herbst 1989 gewannen die Stuttgarter Architekten Fritz Auer und Carlo Weber, welche bereits beim Bau des Münchner Olympiaparks mitgewirkt hatten, den ersten Preis im Architekturwettbewerb. Ihre filigrane Konstruktion mit wassergekühlten Stahlträgern und schwenkbaren Sonnensegeln sollte über einem künstlichen See errichtet werden. Der im Frühling 1990 bereits in Sevilla präsentierte Entwurf wurde jedoch aus zwei Gründen nachträglich abgelehnt. Zum einen missfiel die selbstironische Inszenierung der „Deutschlandschaft“ des Münchner Bildhauers Albert Hien, der von den Architekten mit der Ausgestaltung beauftragt worden war. Das Gesamtwerk ähnelte dabei einem großen Zeppelins, der sich in das Gebäude „bohrte“ wie in eine Wolke. Zum anderen sprengen die Kosten nach erneuter Kalkulation den vorgesehenen Bauetat von 27 Millionen Mark um mehr als das Doppelte.

Die Kompromisslösung war dann schnell gefunden und stammte aus der Schublade des Architekten Georg Lippsmeier. Der Entwurf war dabei bereits 1988 für eine deutsche Industrieschau in Neu-Delhi konzipiert worden. Besonders die markante Dachkonstruktion verlieh dem Gebäude seine einprägsame Form. Ein schrägstehender, 54 Meter hoher Pylon trug azentrisch ein riesiges ovales Luftkissendach aus Segeltuch. Das Dach überdeckte eine offene, von allen Seiten zugängliche Struktur aus vier übereinander gestapelten Terrassen, die zur Mitte hin wie eine Arena zuliefen. Auf dem ebenfalls vom Sonnendach beschatteten Platz vor dem Gebäude wurden die Besucher von bayerischer Gastronomie empfangen. Im Inneren wurden die obligatorischen Stücke der Berliner Mauer aufgestellt und in einer Inszenierung der Berliner Bühnenbildner Harald Koppelwieser und Manfred Gruber ein Spaziergang durch die deutsche Kulturgeschichte angeboten: vom mit Geistesgrößen bevölkerten Gelehrtenzimmer Alexander von Humboldts über den Lilienthalschen Hängegleiter bis zum einem Videofilm über deutsches Familienleben. Die Firma IPL übernahm anschließend die Planung und Ausführung des Pavillons, der für etwa 30 Millionen Mark errichtet werden konnte.

Nach der EXPO ist vor der EXPO

Bis zur Schließung des Geländes am 12. Oktober 1992 besuchten 18,5 Millionen Menschen die Ausstellung, womit die ursprünglichen Erwartungen weit übertroffen wurden. Nach der Schließung wurde ein Teil des Geländes in einen Technologiepark namens „Cartuja 93“ umgewandelt und der Freizeitpark „Isla Mágica“ geschaffen. Die Pavillons wurden dabei größtenteils abgebaut und nur teilweise von Unternehmen weitergenutzt. Noch heute kann das Gelände und ein Teil der Pavillons besucht werden.

Gleichzeitig stieg mit dem Ende der EXPO 1992 auch die Vorfreude auf die nächste Weltausstellung, denn bereits sechs Jahre später öffnete die EXPO ’98 in Lissabon ihre Tore für die Besuchenden aus aller Welt.

Gelesen 953 mal Letzte Änderung am Dienstag, 09 Mai 2023 13:57
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